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Strategische Implantologie im Fokus einer ästhetisch-funktionellen Gesamtrehabilitation

Dr. med. dent. Fabian Meinke, M.Sc., Dr. med. dent. Felix Zaritzki6 Min. Lesezeit
Strategische Implantologie im Fokus einer ästhetisch-funktionellen Gesamtrehabilitation

Die Ästhetik als definierender Ausgangspunkt bildet die Grundlage einer multidisziplinären Gesamtrehabilitation, bei der funktionelle und ästhetische Parameter gleichrangig und integrativ in die Behandlungsplanung einfließen. Neben der dreidimensionalen Implantatplanung und full-guided Insertion verfolgt das von Zaritzki Fine Dentistry entwickelte „The Facial Aesthetic Concept“ eine strukturierte Behandlungsstrategie, die Ästhetik und Funktion nicht additiv, sondern als untrennbare systemische Einheit begreift und das ästhetisch-funktionelle Endergebnis als leitende therapeutische Matrix definiert [1].

Der Fall

Ein 58-jähriger männlicher Patient stellte sich erstmals vor etwa fünf Jahren in unserer Praxis vor. Klinisch und radiologisch zeigte sich an Zahn 15 eine insuffiziente prothetische Versorgung. Es bestand eine Brücke von 14 auf 15 mit einem kleinen Extensionsbrückenglied regio 16. Zahn 15 war endodontisch vorbehandelt und mit einem intraradikulären Stift versorgt. Radiologisch zeigte sich apikal eine persistierende Aufhellung mit Verdacht auf eine zystische Läsion (Abb. 1).

Biologische Augmentation nach Extraktion

Nach ausführlicher Aufklärung und Prognosebewertung wurde gemeinsam mit dem Patienten die Extraktion des Zahns 15 beschlossen. In der ersten Sitzung wurde die Brückenkonstruktion distal von 14 abgetrennt und Zahn 15 atraumatisch entfernt. Nach sorgfältiger Kürettage und Reinigung des Defekts erfolgte eine biologische Augmentation mittels PRGF (Plasma Rich Growth Factors, BTI) [2,3]. Hierfür wurde patienteneigenes Blut entnommen, zentrifugiert und das gewonnene Plasma in die Alveole eingebracht. Zur Stabilisierung und zum Schutz vor Auswaschung wurde eine nicht resorbierbare PTFE-Membran über der Extraktionsalveole positioniert [4]. Der Wundverschluss erfolgte mittels Kreuznaht und zusätzlicher Einzelknopfnähte. Die Nähte wurden nach zehn Tagen entfernt und die PTFE-Membran nach vier Wochen entnommen (Abb. 2-4). Die knöcherne Regeneration erfolgte in den folgenden fünf Monaten komplikationslos.

Externer Sinuslift mit simultaner Implantation

Auf Wunsch des Patienten sollte regio 15 implantologisch neu versorgt werden. Eine präoperative DVT-Aufnahme zeigte ein reduziertes vertikales Knochenangebot sowie einen ungünstigen Verlauf des Sinusbodens, sodass eine Implantation ohne Augmentation prognostisch unsicher erschien. Aufgrund der anatomischen Situation war ein externer Sinuslift indiziert, um eine suffiziente vertikale Knochenhöhe und damit einen langfristig stabilen Implantaterfolg zu gewährleisten (Abb. 5). Basierend auf DVT-Daten und Intraoralscans erfolgte die 3D-Implantatplanung mittels full-guided Bohrschablone (coDiagnostiX, Straumann). Präoperativ erhielt der Patient zwei Gramm Amoxicillin als antibiotische Abschirmung. Die OP erfolgte unter Lokalanästhesie. Zunächst wurde das laterale Kieferhöhlenfenster mit einem diamantierten Piezoinstrument präpariert, die Schneider’sche Membran unter ständigem Knochenkontakt mittels Sinusboden-Elevatoren gelöst und angehoben. Um eine Perforation der Membran zu vermeiden, wurde ein Kollagenkegel in die Kieferhöhle eingebracht [5]. Entsprechend des Bohrprotokolls wurde das Implantatlager zur Implantataufnahme (Conelog Screw-Line, Ø 4,3 mm /L 9 mm, Camlog) mit dem Guide System (Camlog) vorbereitet [6]. Der Knochenaufbau in der Kieferhöhle und an der vestibulären Knochenlamelle erfolgte mit einem 50:50-Gemisch aus bovinem Knochenersatzmaterial und vorab entnommenem autologem Knochen. Der laterale Knochenaufbau wurde mit einer resorbierbaren Kollagenmembran abgedeckt [7]. Der Wundverschluss erfolgte spannungsfrei mittels Einzelknopfnähten (Abb. 6-11). Nach zwei Monaten wurde das Implantat freigelegt und eine Resonanzfrequenzanalyse durchgeführt. Da sich ISQ-Werte unter 70 zeigten, wurde eine verlängerte Einheilphase von weiteren sechs Wochen mit eingebrachtem Gingivaformer empfohlen (Abb. 12). Die darauffolgende Messung ergab Werte oberhalb von 70, sodass die prothetische Phase eingeleitet werden konnte. Es erfolgte eine langzeitprovisorische Versorgung von Zahn 14 mit einer Einzelkrone sowie einer implantatgetragenen Krone regio 15 (Abb. 13).

Abb 1: Präoperatives Röntgenbild mit deutlicher apikaler Aufhellung regio 15.
Abb 1: Präoperatives Röntgenbild mit deutlicher apikaler Aufhellung regio 15.
Abb 2: Die Brückensituation in situ, die Extraktionsalveole, mit PRGF gefüllte Alveole sowie die vernähte PTFE-Membran.
Abb 2: Die Brückensituation in situ, die Extraktionsalveole, mit PRGF gefüllte Alveole sowie die vernähte PTFE-Membran.
Abb 3: Situation nach Extraktion mit deutlich ausgeprägter Kieferhöhle und reduziertem Knochenangebot.
Abb 3: Situation nach Extraktion mit deutlich ausgeprägter Kieferhöhle und reduziertem Knochenangebot.
Abb 4: Die Situation vier Wochen postoperativ, Entfernung der PTFE-Membran und Blick auf das darunter regenerierte Gewebe.
Abb 4: Die Situation vier Wochen postoperativ, Entfernung der PTFE-Membran und Blick auf das darunter regenerierte Gewebe.
Abb 5: Auf Basis der DVT-Aufnahme und intraoralen Scans erfolgte die 3D-Implantatplanung.
Abb 5: Auf Basis der DVT-Aufnahme und intraoralen Scans erfolgte die 3D-Implantatplanung.
Abb 6: Die intraoperative Situation unmittelbar vor Implantation.
Abb 6: Die intraoperative Situation unmittelbar vor Implantation.
Abb 7: Das laterale Knochenfenster mit dargestellter Schneider'schen Membran.
Abb 7: Das laterale Knochenfenster mit dargestellter Schneider'schen Membran.
Abb 8: Das inserierte Implantat mit augmentiertem Sinus und aufgetragenem Knochenersatzmaterial.
Abb 8: Das inserierte Implantat mit augmentiertem Sinus und aufgetragenem Knochenersatzmaterial.
Abb 9: Die Abdeckung des OP-Situs mittels Kollagenmembran.
Abb 9: Die Abdeckung des OP-Situs mittels Kollagenmembran.
Abb 10: Der dichte spannungsfreie Nahtverschluss der Wunde.
Abb 10: Der dichte spannungsfreie Nahtverschluss der Wunde.
Abb 11: Das KEM wurde von distal eingebracht, um periimplantär ausreichend Knochen für das Implantat zu erhalten.
Abb 11: Das KEM wurde von distal eingebracht, um periimplantär ausreichend Knochen für das Implantat zu erhalten.
Abb 12: Eingesetzter Gingivaformer nach minimalinvasivem Zugang zur Implantatverschlussschraube.
Abb 12: Eingesetzter Gingivaformer nach minimalinvasivem Zugang zur Implantatverschlussschraube.
Abb 13: Einsetzen der langzeitprovisorischen Versorgung nach insgesamt 15 Wochen Einheilphase.
Abb 13: Einsetzen der langzeitprovisorischen Versorgung nach insgesamt 15 Wochen Einheilphase.
Abb 14: Ausgangssituation vor der Therapie der ausgeprägten CMD-Symptomatik.
Abb 14: Ausgangssituation vor der Therapie der ausgeprägten CMD-Symptomatik.
Abb 15: Ergebnis nach einjähriger kieferorthopädischer Behandlung.
Abb 15: Ergebnis nach einjähriger kieferorthopädischer Behandlung.
Abb 16: Das funktionelle Mock up in erhöhter Vertikaldimension.
Abb 16: Das funktionelle Mock up in erhöhter Vertikaldimension.
Abb 17: Zahnhartsubstanzschonende Präparation für die definitive festsitzende prothetische Rehabilitation.
Abb 17: Zahnhartsubstanzschonende Präparation für die definitive festsitzende prothetische Rehabilitation.
Abb 18: Frontalansicht der Ausgangssituation …
Abb 18: Frontalansicht der Ausgangssituation …
Abb 19: … und der definitiven Versorgung im Ober- und Unterkiefer.
Abb 19: … und der definitiven Versorgung im Ober- und Unterkiefer.
Abb 20: Laterale Ansicht der Ausgangssituation mit tiefem Zwangsbiss.
Abb 20: Laterale Ansicht der Ausgangssituation mit tiefem Zwangsbiss.
Abb 21: Nach vier Jahren ist der Patient weiterhin beschwerdefrei, die prothetische Versorgung intakt.
Abb 21: Nach vier Jahren ist der Patient weiterhin beschwerdefrei, die prothetische Versorgung intakt.

Therapie der ausgeprägten CMD-Symptomatik

Im weiteren Verlauf zeigte sich der Patient mit seiner Gesamtsituation unzufrieden. Klinisch zeigten sich eine ausgeprägte CMD-Symptomatik, ein sehr tiefer Biss sowie deutliche Abrasionen [8]. Es wurde ein umfassendes funktionelles Gesamtkonzept erstellt. Präprothetisch erfolgte eine einjährige kieferorthopädische Therapie mittels Alignern (Invisalign). Dabei wurden die Zahnbögen funktionell ausgeformt und Zahnfehlstellungen korrigiert, um die spätere Präparationstiefe möglichst zu minimieren (Abb. 14, 15). Im Anschluss wurde eine neue erhöhte vertikale Dimension ermittelt und über sechs Monate mittels Mock up und CMD-Schiene stabilisiert (Abb. 16) [9]. In dieser Phase konnte die definierte zentrische Relation sowie die vertikale Erhöhung neuromuskulär validiert und funktionell adaptiert werden. Der Patient gab an, dass sich seine funktionellen Beschwerden bereits in diesem kurzen Zeitraum verbessert hätten. Nun erfolgte die definitive prothetische Rehabilitation. Im Mittelpunkt stand die Prämisse der maximalen Zahnhartsubstanzschonung (Abb. 17). Vollkronen wurden angefertigt, wo zuvor Kronen bestanden, alle übrigen Zähne wurden mit Teilkronen aus Lithiumdisilikat oder minimalinvasiven, dünnwandigen Veneers versorgt. Die Implantatkrone bestand aus einer verblendeten Zirkonoxidkeramik, die transkoronal mit dem Implantat verschraubt wurde. Um eine ideale Rauigkeit für die Weichgewebeanlagerung zu erreichen, wurde submukös weder verblendet noch glasiert, sondern maschinell bearbeitet und mit silikonfreien Instrumenten poliert [10]. Anschließend erhielt der Patient eine oberflächenadaptierte Okklusionsschiene zum Schutz der keramischen Restaurationen sowie zur Prävention weiterer parafunktioneller Aktivität. In den folgenden vier Jahren zeigen sich um das Implantat stabile periimplantäre Knochenverhältnisse, die prothetische Versorgung ist intakt [11]. Der Patient ist weiterhin beschwerdefrei und funktionell wie ästhetisch sehr zufrieden (Abb. 18-21).

Fazit

Das Verfahren repräsentiert einen konzeptionellen Paradigmenwechsel innerhalb der funktionell-ästhetischen Rehabilitation: Die Rekonstruktion wird retrospektiv – vom gewünschten ästhetischen Endzustand – entwickelt. Das Ergebnis wird nicht nur virtuell erstellt, sondern klinisch validiert und präzise angepasst. Zähne, Bisslage, Implantatpositionen und Weichgewebemanagement werden nicht isoliert, sondern als Bestandteile eines ganzheitlichen Gesichts- und Funktionssystems betrachtet.

Literatur

[1] Zaritzki F, Meinke F, Bruhnke M, Zaritzki D; The Facial Aesthetic Concept: Ein neuer Ansatz in der dentalen Gesamtrehabilitation; cosmetic dentistry 1/25 6-13

[2] Solakoglu O, et al.; The use of plasma rich in growth factors (PRGF) in guided tissue regeneration and guided bone regeneration. A review of histological, immunohistochemical, histomorphometrical, radiological and clinical results in humans. Annals of Anatomy, 2020. 231(4) 151528.

[3] Avila-Ortiz G, et al.; Effectiveness of three different alveolar ridge preservation techniques: a pilot randomized controlled trial. Int J Periodontics Restorative Dent (2014) 34(4):509–521.

[4] Papi P, et al. The Use of a Non-Absorbable Membrane as an Occlusive Barrier for Alveolar Ridge Preservation: A One Year Follow-Up Prospective Cohort Study; Antibiotics 2020,9, 110;

[5] Jurisic M, et al.; Maxillary sinus floor augmentation: Comparing osteotome with lateral window immediate and delayed implant placements. An interim report. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod. 2008;106:820–7.

[6] Schnutenhaus S, Rudolph H, Luthardt R, Edelmann C; Accuracy of template-guided implantation with a new implant system. A prospective clinical trial Clinical Oral implants Research 05 October 2020

[7] Turri A, Elgalil I, Vazirisani F, Johansson A, Emanuelsson L, Dahlin C, Thomsen P, Omar O. Guided bone regeneration is promoted by the molecular events in the membrane compartment. Biomaterials 84;2016: 167-183

[8] Ruge S., Quooß, A., Kordaß, B. (2010) Virtuelle Artikulation – Visualisierung dynamischer Okklusionsbeziehungen. Aus Lebendige Wissenschaft - Spitzenforschung in der Zahnheilkunde 2010:84–90

[9] Peroz I, Imhoff B; S2k-Leitlinie Okklusionsschiene zur Behandlung craniomandibulärer Dysfunktionen und zur präprothetischen Therapie. (2024) AWMF Reg.-Nr. 083-051

[10] Gomez-Meda R, Esquivel J, Blatz MB. The esthetic biological contour concept for implant restoration emergence profile design. J Esthet Restor Dent. 2021:1–12

[11] Araujo NS, Moda MD, Silva EA, Zavanelli AC, Mazaro JV, Pellizer EP. Survival of all-ceramic restorations after a minimum follow-up of five years: a systematic review. Quintessence Int 2016;47:395-405.

Autoren

Dr. med. dent. Fabian Meinke, M.Sc.

Dr. med. dent. Fabian Meinke, M.Sc.

Dr. med. dent. Felix Zaritzki

Dr. med. dent. Felix Zaritzki

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