Die Wertigkeit von langfristigen Versorgungskonzepten in der Implantatprothetik
Gemäß der S3-Leitlinie ‚Zahnbehandlungsangst bei Erwachsenen‘ liegt bei ca. 5-10 % (Prävalenz) der Bevölkerung eine Zahnbehandlungsangst mit Krankheitswert vor. Die Vermeidung einer Zahnbehandlung ist in der Regel das Hauptproblem. Bei in der Folge potenziellen Implantatpatienten ist jedoch genau dies klinisch relevant und essenziell für den langfristigen Erhalt von implantatgetragenen Versorgungen. Der Auswahl von Patienten, der Aufklärung, der Motivation zur Prophylaxe, der Herstellung der Behandlungsfähigkeit und der zukünftigen Adhärenz zur Zahnbehandlung kommt daher eine große Bedeutung zu.
Eine Patientin mit Zahnbehandlungsangst war seit etwa 15 Jahren nicht mehr beim Zahnarzt gewesen. Sämtliche Zähne waren nicht erhaltungswürdig (Abb. 1, 2). Die Patientin äußerte ausdrücklich den Wunsch nach einem festsitzenden Zahnersatz und einer sofortigen Versorgung. Nach ausführlicher Aufklärung, insbesondere zur Verhaltensänderung in Bezug auf die Adhärenz zur Behandlung und zur notwendigen Mundhygiene, entschied sich die Patientin für festsitzende Brücken. Geplant wurden nach der Extraktion sämtlicher vorhandener Zähne sechs Implantate im Ober- sowie fünf Implantate im Unterkiefer. Vor der Extraktion der Zähne erfolgten digitale Intraoralscans der Kiefer (Abb. 3). Auf Basis dieser Daten wurde digital eine Sofortversorgung unter Berücksichtigung von ästhetischen Parametern (SmileLine, Optimierung der Zahnform- und -stellung) designt (Abb. 4-6). Zusätzlich wurden die optimalen Implantatpositionen für NobelActive Ti Unite Implantate (Nobel Biocare) regio 11, 21, 13, 23, 14, 24, 15, 25 und 41, 43, 45, 33 und 35 unter Berücksichtigung der DVT-Daten digital geplant und Bohrschablonen erstellt (Abb. 7).
Implantatchirurgie
Im Rahmen des chirurgischen Eingriffs wurden zunächst die Zähne extrahiert und anschließend die NobelActive Implantate (Oberkiefer mit Regular Platform, Unterkiefer mit Regular Platform und Narrow Platfom) in gleicher Sitzung über die Bohrschablone (Abb. 7) inseriert. Die Implantate wurden mit Einbringhilfen für die Mulit-Unit-Abutments versehen (Abb. 8). Periimplantär wurde mit The Graft (Purgo), Bohrspänen und Membran augmentiert. Abschließend wurden Healing-Abutments aufgeschraubt, der Situs vernäht (Abb. 10, 11) und das vorab angefertigte Röntgenbild gesichtet (Abb. 9). Die Sofortversorgung in Form einer implantatgetragenen Kunststoffbrücke, welche im Fräsverfahren hergestellt worden war, konnte sofort festsitzend im Mund verklebt werden (Abb. 12-16). Die Patientin war so funktionell und ästhetisch gut rehabilitiert und zufrieden.
Allerdings kam sie im weiteren Verlauf immer wieder unzufrieden in die Praxis, aufgrund Teilfrakturen an der Kunststoffbrücke, die entsprechend repariert wurden. Die Versorgung entsprach jedoch schlussendlich nicht ihren Vorstellungen eines Zahnersatzes. Irgendwann vermied sie den Praxisbesuch vollständig.
Nach fünf Jahren erschien die Patientin wieder in der Praxis, das Implantat regio 15 war – aus unbekannten Gründen – nicht mehr in situ (Abb. 17, 18). Nach klinischer und radiologischer Abklärung konnte das Implantat regio 15 (NobelActive Ti Unite) neu geplant werden. Klinisch wurde zudem festgestellt, dass das Implantat regio 21 zu weit labial gesetzt worden war. Die neue Versorgung im Ober- und Unterkiefer wurde komplett aktualisiert ohne 21 aufgestellt. Sie wurde als steggetragene, metallarmierte Versorgung geplant. Dazu sollte im Oberkiefer eine Zirkonoxid- und im Unterkiefer eine Kunststoffbrücke hergestellt werden (Abb. 29-38). Nach Einsetzen der Stege aus NEM wurde ein Kontrollröntgenbild angefertigt (Abb. 24-28). Die neue hochwertige Versorgung (Zahntechnik: Joachim Lotz) gefiel der Patientin sehr und ist seit über einem Jahr in situ (Abb. 39).
Am vorgestellten Fallbeispiel wird deutlich, dass es sinnvoll ist, bei dem Wunsch von Patienten nach einer Sofortversorgung diese sorgfältig auszuwählen. Eine Sofortversorgung ist nicht sofort gut, wie in diesem Fall gezeigt werden konnte. Zusätzlich sollte gerade bei Angstpatienten die Motivation und Adhärenz der Patienten an die Kontroll- und Prophylaxebehandlung zur Erhaltung von Implantaten unterstützt werden. Manchmal kann – vor allem innerhalb der sich ständig entwickelnden Möglichkeiten bei der Digitalisierung – eine spätere, hochwertigere und langfristig Zufriedenheit-erhaltene Versorgung sinnvoller sein.
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