Das Grundkonzept des All on Four-Behandlungsprotokolls beruht auf der Sofortversorgung des zahnlosen Kiefers ohne augmentative Maßnahmen und ohne Bildung eines Mukoperiostlappens auf zwei anterioren axialen und zwei posterioren, nach distal geneigt inserierten Implantaten, die schablonengeführt inseriert werden. Auf diese Weise wird ein tragfähiges prothetisches Unterstützungspolygon erzielt und der Patient ist in der Lage, die implantatprothetische Rekonstruktion sofort zu belasten. Das Behandlungskonzept wurde passenderweise bereits jeweils in der vierten Ausgabe der pip 2012 und 2018 untersucht und soll nun, ebenfalls in der vierten, aktuellen Ausgabe der pip erneut beleuchtet werden.
Während die Studienlage 2012 aufgrund der geringen verfügbaren Literatur eingeschränkt war, konnte bereits 2018 festgestellt werden, dass – trotz der eingeschränkten methodischen Qualität und der geringen Nachbeobachtungszeiten vieler Studien – die Technik vorhersehbar und erfolgreich für die Patientenversorgung eingesetzt werden konnte. Die hauptsächlichen Endpunkte des Behandlungsprotokolls waren in der vorliegenden Literaturauswahl periimplantäre Knochenverluste sowie Komplikations- und Überlebensraten.
1) Periimplantäre Knochenverlustraten
Die Angaben zu Knochenverlusten bei geneigt oder axial eingesetzten Implantaten sind kontrovers. Einerseits wurden in RCT [Abdelaziz, et al., 2023, Aboelez, et al., 2024, Ibrahim, et al., 2022, Mohamed, et al., 2022] und systematischen Reviews [Mehta, et al., 2021] ein größerer Knochenverlust bei axial inserierten Implantaten bzw. keine Unterschiede beobachtet, während in klinischen Studien [Ding, et al., 2023, Mourad, et al., 2024, Szabó, et al., 2022, Yang, et al., 2023] bzw. systematischen Reviews [Del Fabbro, et al., 2022] ein höherer krestaler Knochenverlust bei angulierten Implantaten ermittelt wurde.
Ergebnisse eines achtjährigen Follow up deuten darauf hin, dass das Risiko für periimplantäre Knochenverluste im Oberkiefer erhöht zu sein scheint [Chowdhary und Midhula, 2025], während die Ergebnisse eines systematischen Reviews keine Unterschiede zwischen Ober- und Unterkiefer zeigten [Del Fabbro, et al., 2022]. Bei Zahnersatz aus monolithischem Zirkonoxid konnte ein weitaus stabileres Knochenniveau ermittelt werden als bei Zahnersatz aus Metallkeramik [Ayna und Jepsen, 2024]. Metallkeramischer Zahnersatz wiederum führte zu einem besseren krestalen Knochenerhalt als eine Suprastruktur aus Kunststoff [Ayna, et al., 2021]. Auch bei Zahnersatz aus PEEK war ein höherer krestaler Knochenverlust als bei Metallgerüsten zu beobachten [Mourad, et al., 2024]. Der Einsatz von Stegen schien im Vergleich zu Lokatoren nach einem Jahr zu einem geringeren Verlust krestalen Knochens zu führen [Elsyad, et al., 2021]. Langzeitergebnisse deuten darauf hin, dass es bei herausnehmbarem Zahnersatz zu größeren periimplantären Knochenverlusten kommt als bei festsitzenden Rekonstruktionen [Lan, et al., 2025].
In einigen Untersuchungen wurden All on Four-Versorgungen mit All on Six-Versorgungen verglichen. Dabei sind die Erkenntnisse jedoch nicht einheitlich. Während in mehreren klinischen Studien kein Einfluss der Implantatanzahl auf die krestalen Knochenverluste beobachtet wurde [La Monaca, et al., 2022, Sethi, et al., 2025, Tamer und Özcan, 2023, Yang, et al., 2023, Zhang, et al., 2023], wurden in einem systematischen Review höhere Knochenverlustraten bei All on Four-Versorgungen ermittelt [Sharaf, et al., 2024]. Als weitere Risikofaktoren wurden in der Literatur Rauchen, Implantatversorgungen im Unterkiefer, ein weibliches Geschlecht, Bruxismus sowie lange Extensionssättel beschrieben [Zhang, et al., 2023].
2) Prothetische und implantologische Verlustraten
Die Anzahl verwendeter Implantate hatte offensichtlich weder einen Einfluss auf die Implantatüberlebensraten noch auf die prothetischen Verlustraten, wie systematische Reviews ergaben [Di Francesco, et al., 2021, Di Francesco, et al., 2019a, Sharaf, et al., 2024]. Die All on Six-Versorgung scheint jedoch bei Anwendern mit einer mittleren Behandlungserfahrung die bevorzugte Behandlungsoption zu sein [Zhang, et al., 2023]. Eine Verblockung mittels Stegen führte nicht zu einer Steigerung der prothetischen und implantologischen Überlebensraten [Di Francesco, et al., 2019b, Elsyad, et al., 2021]. Auch die Wahl der prothetischen Werkstoffe scheint keinen Einfluss auf die Verlustraten der Implantate und des Zahnersatzes zu haben. So konnten bei Zahnersatz aus PEEK oder Acrylharz gute prothetische und implantologische Überlebensraten ohne Unterschiede festgestellt werden [de Araújo Nobre, et al., 2023]. Die Befestigungsart des Zahnersatzes hatte dabei offensichtlich keinen Einfluss auf die Überlebensrate von Implantaten, während die prothetischen Überlebensraten bei festsitzendem Zahnersatz signifikant höher als bei herausnehmbarem Zahnersatz waren [Lan, et al., 2025]. Die Überlebensraten von axial und anguliert inserierten Implantaten waren beim All on Four-Konzept mit 98,5 % hoch und unterschieden sich nicht signifikant voneinander, wie ein systematischer Review ergab [Gaonkar, et al., 2021]. Die prothetischen Überlebensraten waren ebenfalls hoch und lagen im gleichen Review bei annähernd 100,0 %. Auch in einem weiteren Review konnten keine Unterschiede in den Überlebensraten axialer oder angulierter Implantate festgestellt werden [Mehta, et al., 2021].
3) Komplikationsraten
Ein Chipping und Frakturen der prothetischen Suprastruktur waren die häufigsten technischen Komplikationen [Gaonkar, et al., 2021, Lan, et al., 2025, Tamer und Özcan, 2023]. Als biologische Komplikationen wurden Mukositiden und Periimplantitiden beschrieben, die jedoch selten auftraten [Krennmair, et al., 2022, Tamer und Özcan, 2023]. Die Anzahl Implantate (vier vs. sechs) hatte keinen Einfluss auf biologische oder technische Komplikationen [Di Francesco, et al., 2021, Sharaf, et al., 2024, Tamer und Özcan, 2023].
Das All on Four-Konzept scheint sich zwischenzeitlich weiter etabliert zu haben, was sich anhand der guten Studienergebnisse und nicht zuletzt in der hohen Patientenzufriedenheit zeigt [Curado, et al., 2024, ELsyad MA, et al., 2019, Gonçalves, et al., 2022], die zudem nicht von der Anzahl verwendeter Implantate (vier vs. sechs) abhängig war [Chen, et al., 2025].
