Wachstum des Gesichtsschädels
In der Kieferorthopädie sind Wachstumsvorhersagen des Skeletts grundlegend wichtig, um den pubertären Wachstumsschub für den kieferorthopädischen Behandlungserfolg zu nutzen. Daher wurden in der Kieferorthopädie eine Reihe bildgebender Methoden entwickelt, um das skelettale Alter der jugendlichen Patienten zu bestimmen.
ereits seit den 1950er-Jahren wurde mittels der „Implantat-Methode“ von Björk (1968) und dem Einsatz kephalometrischer Verfahren ein Längenwachstum des Oberkiefers nachgewiesen, das auch nach Abschluss des skelettalen Längenwachstums weiter stattfindet [Iseri und Solow, 1996]. Der diagnostische Einsatz der Kephalometrie und die Analyse von Fernröntgenseitenaufnahmen (FRS-Analysen) in diesen frühen Wachstumsstudien wird von verschiedenen Autoren als „Meilenstein“ der Kieferorthopädie bezeichnet und findet aktuell noch zur Bestimmung der Wachstumsrichtung des Gesichtsschädels statt [Baccetti, et al., 2009].
Langzeitstudien mittels Kephalometrie konnten zeigen, dass das vertikale Gesichtsschädelwachstum zwischen dem siebten und 15. Lebensjahr größer als das sagittale und transversale Wachstum ist [Lux, et al., 2004]. In einigen Studien wird angegeben, dass das vertikale Wachstum des Gesichtsschädels bis in die zweite Lebensdekade dauert [Aarts, et al., 2015, Fudalej, et al., 2007], während andere Studien von einem Vertikalwachstum bis ins dritte und vierte Lebensjahrzehnt [Bondevik, 2012, Pecora, et al., 2008] und sogar bis in die sechste Lebensdekade berichten [Al-Taai, et al., 2022]. Hier ist die Studienlage nicht hinreichend, was darauf zurückgeführt werden könnte, dass die meisten dieser Studien sich auf Probanden bis zum Alter von 20 Jahren konzentrieren [Rajbhoj, et al., 2023]. Während des Vertikalwachstums des Gesichtsschädels wird eine nach kaudal-posterior gerichtete Rotation des Unterkiefers beobachtet [Al-Taai, et al., 2022, Knigge, et al., 2021, Pecora, et al., 2008]. In der Literatur finden sich konfligierende Aussagen zu geschlechtsabhängigen Unterschieden in Bezug auf das Ausmaß der Rotation des Unterkiefers, die einerseits ein verstärktes Vertikalwachstum und eine dadurch bedingte, größere, nach kaudal-posterior gerichtete Verlagerung des Unterkiefers bei weiblichen Probanden angeben [Bondevik, 2012, Foley und Mamandras, 1992, Fudalej, et al., 2007, Pecora, et al., 2008].
Andere Untersuchungen gaben demgegenüber ein größeres Vertikalwachstum bei männlichen Probanden an, welches bis zum 20. Lebensjahr anhält, danach aber klinisch unbedeutend sein soll [Fudalej, et al., 2007, Klinge, et al., 2020]. In weiteren Studien hingegen wurden keine geschlechtsspezifischen Unterschiede im Vertikalwachstum des Gesichtsschädels und der damit verbundenen Veränderungen der Kiefer- und Zahnpositionen berichtet [Theytaz, et al., 2011, Thilander, 2009]. Untersuchungen zu Zusammenhängen zwischen der Wachstumsrichtung der Schädelknochen (hyper-, normo-, hypodivergente Wachstumsmuster) ergaben eine größere Abwärtsrotation des maxillo-mandibulären Komplexes relativ zur vorderen Schädelbasis bei Probanden mit einem hyperdivergenten Wachstumsmuster [Knigge, et al., 2021]. Mit zunehmendem Alter nimmt die Höhe des Gesichtsschädels geschlechtsunabhängig offensichtlich durch eine Rotation des Unterkiefers nach ventral anterior [Foley und Mamandras, 1992, Yoon und Chung, 2015] sowie durch die Abnahme der vertikalen Dimension des Gesichtsschädels ab [Rajbhoj, et al., 2023].
Wachstum des Gesichtsschädels und Implantate
Das Vertikalwachstum des Gesichtsschädels kann bei Implantatbehandlungen infolge der Osseointegration und des innigen Knochen-Implantat-Verbundes dazu führen, dass sich Implantate wie ankylosierte Zähne verhalten und in einer Infraposition verbleiben, weil sie nicht mit dem kontinuierlichen Vertikalwachstum des Gesichtsschädels mithalten können [Klinge, et al., 2021]. Infrapositionierungen der Implantate wirken sich insbesondere bei früher Implantatinsertion im Jugendalter (Nichtanlagen oder Frontzahntrauma) negativ aus.
So wurden bei einer Implantatversorgung von Jugendlichen im Alter von 14-19 Jahren sowohl Infrapositionierungen als auch der Verlust von Approximalkontakten beobachtet [Bonfante, et al., 2021], der mesial ausgeprägter war [Greenstein, et al., 2016, Papageorgiou, et al., 2018, Varthis, et al., 2019]. Die mittleren Prävalenzraten einer Infraposition zeigen dabei eine breite Streuung, die zwischen 36,0 % [Nilsson, et al., 2019] und 73,3 % [Cocchetto, et al., 2019] lag. Langzeituntersuchungen konnten zeigen, dass die Inzidenzraten auch über die dritte Lebensdekade hinaus weitergehen [Wittneben, et al., 2022] und mit steigendem Alter zunächst zunehmen, dann aber wieder abnehmen [Padovezi, et al., 2025, Schwartz-Arad und Bichacho, 2015].
Andere Studien berichteten im Gegensatz dazu, dass es keine Zusammenhänge zwischen dem Alter und dem Ausmaß der Infraokklusion gibt [Chang und Wennström, 2012, Cocchetto, et al., 2019], jedoch ein schwacher Zusammenhang zwischen einer Infraposition und einem langen Gesichtsschädel besteht [Andersson, et al., 2013]. In Bezug auf geschlechterspezifische Unterschiede sind die Erkenntnisse aus der Literatur auch hier nicht eindeutig. Während in einer Studie ein höheres Ausmaß einer Infraokklusion bei weiblichen Probanden beobachtet wurde [Andersson, et al., 2013], sind in anderen Untersuchungen keine Unterschiede erkennbar [Bernard, et al., 2004, Chang und Wennström, 2012, Nilsson, et al., 2019, Padovezi, et al., 2025, Polymeri, et al., 2020]. Bei jüngeren Patienten (≤ 21,0 Jahre) variierte das Ausmaß einer Infraokklusion zwischen 0,10-1,65 mm und bei älteren (40,0-55,0 Jahre) zwischen 0,12-1,86 mm, ohne altersspezifische Unterschiede [Bernard, et al., 2004]. Eine sichere Vorhersage des Gesichtsschädelwachstums ist bislang nicht möglich. Der Einsatz von KI ist derzeit in der Erprobungsphase, wurde aber nur bis zum Alter von 16 Jahren trainiert [Song, et al., 2025].
Es werden Langzeitüberlebensraten von bis zu 100,0 % [Bonfante, et al., 2021, Padovezi, et al., 2025] bei Einzelimplantaten und von Zweijahres-Überlebensraten bei multiplen Zahnnichtanlagen von 97,9 % bei erwachsenen Probanden berichtet [Wang, et al., 2016]. Wichtig ist die Feststellung, dass eine Infraokklusion nicht zwingend und nicht in allen Patientenfällen eintreten muss und dass es bestimmte prädisponierende Faktoren gibt, die derzeit offensichtlich noch nicht abschließend geklärt sind [Klinge, et al., 2021]. So lange diese nicht geklärt sind, wird empfohlen, eine Implantatversorgung bei Jugendlichen sorgfältig zu prüfen und abzuwägen [Bohner, et al., 2019, Casaña-Ruiz, et al., 2023, Elagib, et al., 2023].
