Keramikimplantate
In Ausgabe pip 5/2022 wurde bereits eine Übersicht über weiße Implantate unter dem Titel „Keramikimplantate“ veröffentlicht. Gemeint waren Dentalimplantate aus Zirkonoxid, deren Untersuchungsergebnisse aus den damaligen Publikationen zu dieser Zeit sehr heterogen waren und die keine eindeutigen Vor- und Nachteile von Zirkonoxidimplantaten (ZI) im Vergleich zu Implantaten aus Titan (TI) zeigen konnten.
Aufgrund der ästhetischen Limitationen von TI und der Diskussion über freiwerdende Titanpartikel im periimplantären Gewebe infolge einer sogenannten „Tribokorrosion“ und der möglichen Ausbildung einer Titan-Überempfindlichkeit bei Implantatpatienten ist das wissenschaftliche Interesse zu ZI als vorhersehbare ästhetische Alternative zu TI noch immer hoch [Beus, et al., 2025, Bhosale, et al., 2025]. Die nach wie vor heterogene Studienlage zeigt sich auch in dieser Literaturzusammenstellung. Während in einem Teil aktueller Übersichtsarbeiten ZI schlechtere mechanische Eigenschaften sowie geringere Überlebens- und Erfolgsraten als TI zugeschrieben wurden [Alqahtani, et al., 2025, Monteiro, et al., 2025], zeigten andere systematische Reviews keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Materialien nach zwölf Monaten [Padhye, et al., 2023] sowie nach drei [Santmartí-Oliver, et al., 2023] und fünf Jahren [Roehling, et al., 2023]. In Bezug auf den periimplantären Knochen wurden in einem systematischen Review bei TI geringere mittlere Verlustraten als bei ZI beobachtet [Sales, et al., 2023], während in einer anderen Übersichtsarbeit keine eindeutige Überlegenheit für TI-Implantate beobachtet werden konnte [Shrivastava, et al., 2025]. Demgegenüber wurde in klinischen Studien bei ZI vereinzelt sogar ein geringerer Knochenverlust beobachtet [Sailo, et al., 2025]. Auch in einem RCT konnte in der Initialphase nach Implantatinsertion bis zur definitiven prothetischen Versorgung bei ZI ebenfalls ein geringerer mittlerer krestaler Knochenverlust festgestellt werden [Balmer, et al., 2026]. Bestätigt wird diese Beobachtung durch die Ergebnisse von zwei systematischen Übersichtsarbeiten [Morena, et al., 2024, Neugebauer, et al., 2023]. Keine signifikanten Unterschiede in den periimplantären Knochenverlustraten zwischen ZI und TI wurden in zwei weiteren RCT ermittelt [de Beus, et al., 2024, Zuercher, et al., 2024]. Mehrere Studien der gleichen Autorengruppe um Kohal und Kollegen untersuchten über einen Zeitraum von je zehn Jahren klinische und röntgenologische Ergebnisse eines einteiligen Implantatsystems aus ZI zur Abstützung von Einzelkronen [Kohal, et al., 2023a, Kohal, et al., 2026] oder festsitzenden Brücken [Kohal, et al., 2025a, Kohal, et al., 2025b, Kohal, et al., 2023b]. Die meisten Implantatverluste traten bei beiden Versorgungsformen innerhalb der ersten fünf Jahre ein. Aufgrund der hohen Verlustraten konnten die Autoren keine Empfehlung für das Implantatsystem aussprechen, das mittlerweile nicht mehr im Handel vertrieben wird. Einteilige Implantate aus ZI zeigten demgegenüber in einer Übersichtsarbeit aus 2024 ähnlich gute Erfolgs- und Überlebensraten [Gul, et al., 2024, Santmartí-Oliver, et al., 2023] sowie eine ähnlich gute Osseointegration [Neugebauer, et al., 2023, Santmartí-Oliver, et al., 2023] wie TI. Einteilige ZI scheinen sich auch für eine Sofortimplantation zu eignen und führten im Vergleich zu konventionell inserierten einteiligen ZI zu einem höheren Pink Esthetic Score (PES) und somit zu besseren ästhetischen Ergebnissen [Kiechle, et al., 2023]. Beim direkten Vergleich von einteiligen TI und ZI konnte in einer RCT ein ähnlich guter krestaler Knochenerhalt ermittelt werden, während die ZI aufgrund der besseren Farbanpassung mit einer erhöhten Patientenpräferenz verbunden waren [Zuercher, et al., 2024]. Im Vergleich zu einteiligen ZI wiesen zweiteilige ZI in einer systematischen Übersichtsarbeit aus 2023 schlechtere Überlebensraten auf [Mohseni, et al., 2023], während in einer aktuelleren retrospektiven Untersuchung keine Unterschiede beobachtet werden konnten [Atalay, et al., 2026]. In einer retrospektiven Kohortenstudie wurden über einen mittleren Follow up von drei Jahren hohe Überlebensraten von 98,2 % und stabile periimplantäre Ergebnisse bei zweiteiligen ZI beobachtet [Tartsch, et al., 2025]. Eine multizentrische RCT berichtete sogar von höheren Überlebensraten zweiteiliger ZI im Vergleich zu zweiteiligen TI nach zwölf Monaten [Balmer, et al., 2026]. In zwei klinischen Studien wurden demgegenüber nach Versorgung mit zweiteiligen ZI nach zwölf Monaten geringe Überlebensraten von 60,9 % [Jennes, et al., 2025] und 75,8 % [Beus, et al., 2025] ermittelt, was dazu führte, dass die Autoren der letztgenannten Publikation keine Empfehlung für das Implantatsystem aussprachen. Die geringe Oberflächenaktivität von ZI im Vergleich zu den Fortschritten in der Möglichkeit zur „Bioaktivierung“ bei TI-Oberflächen führt zu einer schlechteren Osseointegration von ZI [Bhosale, et al., 2025]. Daher liegt auch ein Fokus darauf, Wege zu finden, die Bioaktivität von ZI-Oberflächen zu erhöhen. Laserbestrahlungen führten beispielsweise zu einer signifikanten Erhöhung der Oberflächenrauigkeit, Benetzbarkeit und Proteinadsorption und in der Folge zu einer verbesserten Adhäsion, Proliferation und Differenzierung von Osteoblasten sowie zu einer Verringerung der Plaque-Adhäsion, wie die Ergebnisse eines systematischen Reviews zeigten [Bhosale, et al., 2025]. Ein weiterer systematischer Review ergab, dass die Säureätzung von ZI-Oberflächen im Vergleich zu anderen Oberflächendesigns zu besseren klinischen Ergebnissen führt [Gul, et al., 2024]. Ein systematischer Review untersuchte verschiedene Beschichtungen aus Kalzium-Phosphat anhand von In vitro-Studien. Die Ergebnisse zeigten, dass u. a. die Adhäsion und Proliferation von Osteoblasten im Vergleich zu unmodifizierten ZI-Oberflächen erhöht war [Matys, et al., 2025]. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass ZI als Alternative zu TI zwar vielversprechend sind, die Studienlage jedoch nach wie vor uneinheitlich ist. Die meisten Studien konnten jedoch zeigen, dass die Patientenzufriedenheit mit der Ästhetik bei Versorgung mit ZI grundsätzlich hoch [Alves, et al., 2026, da Silva, et al., 2024, Jennes, et al., 2025, Roehling, et al., 2026] und höher als beim Einsatz von TI ist [Alqahtani, et al., 2025, de Beus, et al., 2024, Padhye, et al., 2023].
