Perioperative Komplikationen bei intraoralen chirurgischen Eingriffen können durch patientenbezogene oder/und anatomische Parameter bedingt sein. Zu den patientenspezifischen Parametern zählen beispielsweise Gerinnungsstörungen, die Einnahme von Gerinnungshemmern oder Thrombozytenaggregationshemmern, die zu Blutungen während oder/und nach dem Eingriff führen können [Bacci, et al., 2023].
Diese Blutungszwischenfälle zählen dabei neben Infektionen bei immunsupprimierten Patienten oder Osteonekrosen bei Patienten unter antiresorptiver Behandlung zu den häufigsten Komplikationen [Morgado-Sevillano, et al., 2024]. In der Literatur werden u. a. Prävalenzraten intraoperativer Blutungen von bis zu 14,5 % bei Patienten mit Gerinnungsstörungen [Fribourg, et al., 2024] und bei Patienten unter Antikoagulanzien-Therapie Nachblutungsraten von 14,2 % genannt [de Andrade, et al., 2019]. Eine Metaanalyse ergab, dass das postoperative Blutungsrisiko bei oralchirurgischen Eingriffen durch das Absetzen der Antikoagulanzien signifikant reduziert werden kann. Werden diese nicht abgesetzt, ist das relative Risiko für postoperative Blutungen bei Einnahme von Vitamin K-Antagonisten höher als bei Antikoagulanzien der neuen Generation (z. B. Rivaroxavan oder Dabigatran) [Shi, et al., 2017]. Blutungsrisiken können bei Patienten mit Gerinnungsstörungen auch durch die Gabe des fehlenden Gerinnungsfaktors reduziert werden, während bei Patienten, die Thrombozyten-Aggregationshemmer erhalten, kein Absetzen der Medikation erforderlich ist [Bacci, et al., 2023].
Anhand der Daten einer zahnärztlich-chirurgischen Notaufnahme waren 2,0 % der Konsultationsgründe Nachblutungen bei Patienten ohne bekannte Risiken für hämorrhagische Zwischenfälle. In ca. 1,0 % dieser Fälle lag jedoch eine bislang unerkannte systemische Ursache für das Blutungsgeschehen zugrunde [Pinana, et al., 2025]. Eine häufige lokale Ursache für Nachblutungen war die Perforation der Sinusmembran bei der Implantatinsertion [Ragucci, et al., 2019] oder der Elevation der Sinusmembran [Lin, et al., 2024]. Systematische Übersichtsarbeiten beschreiben dabei Perforationsraten zwischen 19,0 % [Yang, et al., 2024] und 23,5 % [Al-Dajani, 2016]. Als anatomische Gründe werden u. a. dünne Sinusmembranen [Al-Dajani, 2016, Ke und Xuan, 2024, Lin, et al., 2024, Masri, et al., 2025] und das Vorhandensein von Sinussepten genannt [Irinakis, et al., 2017, Yang, et al., 2024]. Pathologische Veränderungen der Sinusmembran, wie beispielsweise Verdickungen oder Pseudozysten, hatten in einigen Untersuchungen keinen Einfluss auf die Perforationsraten [Fang, et al., 2022], während in anderen Untersuchungen eine Verdickung der Schneider’schen Membran zu einem erhöhten Perforationsrisiko führte, das bei 39,0 % lag [Park, et al., 2019]. Ein Einfluss einer Membranperforation auf krestale Knochenverluste war dabei nicht erkennbar [Irinakis, et al., 2017, Lin, et al., 2024, Park, et al., 2019]. Auch die Knochenneubildung wurde durch eine Perforation der Sinusmembran nicht negativ beeinflusst [Soares, et al., 2024].
Dagegen war der Einfluss von Membranperforationen auf die Implantatverlustraten nicht eindeutig erkennbar. Während in klinischen Studien [Stacchi, et al., 2022] und Übersichtsarbeiten [Al-Moraissi, et al., 2018] erhöhte Implantatverlustraten beobachtet wurden, konnten in anderen klinischen Studien [Beck-Broichsitter, et al., 2018] und systematischen Reviews keine signifikanten Zusammenhänge zwischen einem erhöhten Implantatverlustrisiko und einer Membranperforation ermittelt werden [Fang, et al., 2022, Sala, et al., 2024, Schiavo-Di Flaviano, et al., 2024]. Der Verschluss/Nicht-Verschluss der Perforation hatte ebenfalls keinen Einfluss auf die Implantatverlustraten [Masri, et al., 2025, Soares, et al., 2024], die krestalen Knochenverluste [Masri, et al., 2025] oder die Stabilität der Augmentate [Beck-Broichsitter, et al., 2018, Park, et al., 2019]. In Bezug auf eine Prävention der Membranperforation besteht anhand der Angaben in der Literatur keine Einigkeit. Während in einer systematischen Übersichtsarbeit keine Unterschiede zwischen einer konventionellen, rotierenden Präparation erkennbar waren [Al-Moraissi, et al., 2018], wurde in einem anderen systematischen Review ein klarer Vorteil der Piezochirurgie ermittelt [Jordi, et al., 2018]. Weitere Komplikationen waren Sinusitiden [Guerrero, 2015, Soares, et al., 2024, Stacchi, et al., 2022] und die akzidentelle Verlagerung von Implantaten in die Kieferhöhle bei der Implantatversorgung im Oberkiefer-Seitenzahnbereich [Jeong, et al., 2016, Lee, et al., 2025, Seigneur, et al., 2023, Stacchi, et al., 2022].
Die Häufigkeit von Sinusitiden wurde in einem systematischen Review mit 0,9 % und die von Implantatverlagerungen mit 0,7 % angegeben [Stacchi, et al., 2022]. Als Folgen der Implantatverlagerung werden Sinusitiden und oroantrale Fisteln beschrieben [Seigneur, et al., 2023]. Die Entfernung der verlagerten Implantate erfolgte dabei mittels eines externen oder internen Zugangs, einer Caldwell-Luc-OP oder endoskopisch [Jeong, et al., 2016, Seigneur, et al., 2023]. Auch im Unterkiefer wurde als seltene Komplikation eine Implantatverlagerung innerhalb des knöchernen Alveolarfortsatzes beschrieben, die durch eine weitmaschige Spongiosa begünstigt wird [Rosas-Díaz, et al., 2024]. Weitere häufigere Komplikationen waren neurosensorische Störungen nach einer Verletzung des Nervus alveolaris inferior (IAN) [de Abreu, et al., 2024] oder nach dessen chirurgischer Verlagerung in Form einer Lateralisation (IANL) oder Transposition (IANT) [Abayev und Juodzbalys, 2015, Al-Almaie, et al., 2020, Allavéna, et al., 2024, Deryabin und Grybauskas, 2021, Palacio García-Ochoa, et al., 2020, Vetromilla, et al., 2014, Vinci, et al., 2025]. Nach einer IANL wurden in einer Übersichtsarbeit mittlere Prävalenzraten neurosensorischer Störungen von bis zu 95,9 % und bei einer IANT von 58,9 % unmittelbar nach dem Eingriff beschrieben [Vetromilla, et al., 2014], während in einem anderen Review gleich hohe Prävalenzraten von 93,0 % genannt wurden [Allavéna, et al., 2024]. Auch die Prävalenzraten bleibender neurosensorischer Störungen unterschieden sich in beiden Reviews, die mit 3,4 % vs. 6,0 % bei IANL und 22,1 % vs. 15,0 % bei IANT angegeben wurden. Als Therapieansätze wurden eine Fotobiomodulation [de Abreu, et al., 2024], Niedrigenergielaser [Santos, et al., 2019] und Vitamingaben beschrieben [Réus, et al., 2024].
