Finanzinvestoren – Fluch oder Segen?
Zwischenzeitlich regt sich in manchen Zahnarztkreisen Widerstand gegen diese Konkurrenz verbunden mit der Forderung, fachgruppengleiche MVZs wieder abzuschaffen bzw. nicht mehr neu zuzulassen, und alles würde gut.
In der letzten pip befasste ich mich mit dem Thema, wie der Kauf durch Investoren im Zahnarztbereich im Besonderen und im ambulanten Gesundheitswesen im Allgemeinen abzulaufen pflegt. Zwischenzeitlich regt sich in manchen Zahnarztkreisen Widerstand gegen diese Konkurrenz verbunden mit der Forderung, fachgruppengleiche MVZs wieder abzuschaffen bzw. nicht mehr neu zuzulassen, und alles würde gut.
Vielleicht hilft da ein Blick auf die Tatsachen, wie wir sie 2018 nun mal haben.
Es gibt immer mehr Zahnärzte, die für ihre Praxen keine Nachfolger finden oder keinen adäquaten Erlös erhalten, falls sie doch einen Nachfolger finden. Das ist bei den Ärzten nicht grundlegend anders, aber dennoch ein bemerkenswertes Phänomen. Bei den Ärzten gibt es noch die Bedarfsplanung. In bedarfsbeplanten Gebieten herrscht ein zumindest gefühlter Mangel an verfügbaren Vertragsarztsitzen, also wird teilweise sehr viel für die Möglichkeit bezahlt, sich im Wunschbereich doch niederlassen zu können. Sobald diese Planungsbereiche aber aufgehen oder – wie etwa bei den Hausärzten – zunehmend die Zeichen Richtung Unterversorgung gesetzt sind, verfallen dort die Praxispreise.
Bei den Zahnärzten gibt es keine Bedarfsplanung. Jeder, der MVZ gründen darf, kann zahnärztliche Praxen gründen, wie er immer lustig ist. Aber am Markt passiert anderes. Es werden gut gehende Praxen aufgekauft, deren betriebswirtschaftliche Daten stimmen, deren Praxisstruktur stimmt und deren Praxislogistik ansprechend ist.
Für diese Praxen werden allerdings – und das ist der Unterschied zum allgemeinen Markt – Summen aufgerufen, die bis vor wenigen Jahren undenkbar schienen und die im Normalfall auch kaum eine Bank zu finanzieren bereit wäre, wenn ein Zahnarzt die Praxis zu solchen Summen übernehmen wollte, ganz abgesehen davon, dass es diese Zahnärzte nicht gibt.
Was ist eigentlich passiert?
Im zahnärztlichen Bereich fallen ebenso wie im ärztlichen Bereich die Kaufinteressenten weg. Das hat zum einen sicherlich mit der Feminisierung des Berufsstandes zu tun, aber auch mit den veränderten Erwartungen an die Work-Life-Balance der nachwachsenden Generation. Man verdient als selbstständiger Zahnarzt nach wie vor gut, wenn man viel (!) arbeitet. Wem es aber reicht, zum Familienunterhalt beizutragen, weil der Partner (muss nicht der Ehepartner sein) genügend verdient, wenn man geregelte Arbeitszeiten will und vom Bürokratiekram, den eine Niederlassung in immer schlimmerem Ausmaß mit sich bringt (jüngste Malaise ist die Datenschutz-Grundverordnung), nichts wissen will, dann reicht einem die Anstellung, zumal ja absehbar ist, dass man immer angestellte Ärzte und Zahnärzte brauchen wird.
In diese Bresche springen die Finanzinvestoren. Und die denken betriebswirtschaftlich. Man verdient als Zahnarzt nicht am meisten in den Zentren, sondern im Schnitt auf dem flachen Land, wo die Zahnarztdichte verhältnismäßig niedrig, das Einkommensniveau der Patienten relativ höher ist, weil die Kosten des urbanen Lebens nicht große Teile des Einkommens auffressen, deren Bereitschaft, echte Selbstzahlerleistungen in Anspruch zu nehmen, sich etwas „zu gönnen“, ausgeprägter und die Zahlungsmoral besser ist. Aber den Marktstart vollzieht der Investor am einfachsten mit Praxen in Zentren, die früher betriebswirtschaftlich gut aufgestellt sein müssen als Praxen in ländlichen Bereichen.
Es erscheint mir – aus zahnärztlicher Sicht – die bessere Variante, die Praxis für gutes Geld an einen Finanzinvestor verkaufen zu können als gar nicht. Wenn niemand mehr Praxen übernehmen will, noch nicht einmal geschenkt, ist für die Patientenversorgung nichts gewonnen. Wenn es für gutgeführte Praxen gutes Geld gibt, frage ich mich, warum man diesen Schnitt den Zahnärzten, die gut geführte Praxen aufgebaut haben, neiden muss.
Das Problem sind nicht die Finanzinvestoren, sondern eine Politik, die sich jahrzehntelang für kleine Praxisstrukturen einsetzte, welche aber 2018 und ff. – strukturbedingt – keine Antwort auf die Bedürfnisse an flexibler Arbeitszeitgestaltung bieten, wie sie in großen Praxisstrukturen machbar sind. In großen Strukturen fällt die Versorgung von Randregionen leichter. Das sieht man bei den Fachärzten.
Prof. Dr. Thomas Ratajczak (Rechtsanwalt)




