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Bicon: Kurze Implantate mit langer Geschichte

Kurze Implantate – Schon 1985 wurde das Bicon System entwickelt, um auch Patienten mit verringertem Knochenangebot zuverlässig und ohne aufwändige Augmentationen zu versorgen. Nach anfänglich vielen Diskussionen feiern die „Shorties“ nun ihr erfolgreiches 40jähriges Jubiläum und entsprechen heute umso mehr der aktuellen Forderung nach minimalinvasiven, patientenfreundlichen Protokollen.

pip Redaktion Berlin6 Min. Lesezeit
Kurze Implantate

Kurze Implantate – Schon 1985 wurde das Bicon System entwickelt, um auch Patienten mit verringertem Knochenangebot zuverlässig und ohne aufwändige Augmentationen zu versorgen. Nach anfänglich vielen Diskussionen feiern die „Shorties“ nun ihr erfolgreiches 40jähriges Jubiläum und entsprechen heute umso mehr der aktuellen Forderung nach minimalinvasiven, patientenfreundlichen Protokollen. Interview mit Dr. Otmar Elsässer, Oralchirurg

Mit Ihrer Facharztausbildung Oralchirurgie kann man Ihnen kaum unterstellen, Angst vor Augmentationen zu haben…

Otmar Elsässer: Augmentationen sind eine teilweise unvermeidliche chirurgische Prozedur, um eine langfristige implantologische Versorgung zu gewährleisten. Das damit verbundene Weichgewebsmanagement – zum einen bei der Augmentation selber und bei der Implantation, aber auch simultan bei der Freilegung – ist dabei essentiell für ein stabiles Outcome. Ich erinnere mich gerne an einen meiner früheren Professoren und sein Zitat „Jeder Sch… hält 2 Jahre!“. Das darf jedoch nicht der Anspruch unserer Berufsgruppe sein. Ansonsten verspielen wir schneller als uns lieb ist unser in Jahrzehnten hart erarbeitetes Vertrauen in der Gesellschaft. In bestimmten Indikationen können uns Kurzimplantate sicher, schneller und kosteneffizienter an ein gleichwertiges Ziel bringen. Dies bestätigt uns nun ja auch wissenschaftlich die neue S2k-Leitlinie 2024 der DGI und DGZMK.

Seit wann setzen Sie kurze Implantate – die Bicon Shorties – und was sind Ihre Indikationen?

Otmar Elsässer: Meine ersten Bicon Implantate durfte ich vor 13 Jahren setzen. Über die biologischen und dynamischen Hintergründe habe ich mich zuvor lange mit meinem Kollegen und damaligen Chef Dr. Dr. Friedrich Schmetzer informiert und ausgetauscht. Er war auch der Initiator, dass ich mich überhaupt intensiv mit dem System auseinandergesetzt habe. Kurze Implantate – die Hauptindikation sehe ich dabei ganz besonders im vertikal hoch atrophen UK- Seitenzahnbereich. Sofern wir ein ungünstiges Kronen- Implantat- Längenverhältnis in der Planung erkennen, ist das System ebenso unschlagbar. Auch in Fällen mit schwerem Knochenabbau aufgrund vorangegangener PA oder bei einer geplanten Bisshebung leisten die kurzen Bicons gute Dienste. Als klassische Überweiserpraxis richten wir uns grundsätzlich und soweit möglich immer an das vom zahnärztlichen Kollegen gewünschte Implantatsystem.

Sofern ich aber einen eindeutigen Vorteil sehe, den Patientenfall mit Bicon Implantaten zu lösen, spreche ich das mit meiner überweisenden Kollegin oder meinem Kollegen durchaus aktiv an, und erläutere auch meine Gedankengänge. Uns alle verbindet doch das Ziel, unsere Patienten bestmöglich zu versorgen.

Welchen, gegebenenfalls prothetischen, Kompromiss muss ich eingehen zugunsten der chirurgischen Einfachheit?

Otmar Elsässer: Viele Kollegen, deren Patienten ich erstmals mit Bicon Implantaten versorge, sind zunächst skeptisch. Da der prothetische Ansatz des Bicon Systems doch von den klassischen Systemen abweicht, muss man sich mit dem System auseinandersetzen, und auch im Ablauf sind einige Details zu beachten. Kompromisse muss man aber sehr wenig eingehen. Gewisse Schwierigkeiten, welche mir zugetragen werden, z.B. bei der Abformung, hängen eher mit den grundsätzlich komplexen anatomischen Situationen der Patienten zusammen, bei denen wir das Bicon-System nutzen, nicht mit dem Implantat selber.

Kurze Implantate – wie lässt sich diese Versorgungsform in die auch in Ihrer Praxis schon sehr weit implementierten digitalen Abläufe integrieren?

Da ich mit dem Bicon System schwierige Situation doch relativ einfach lösen kann, benötige ich hier nicht unbedingt einen digital gestützten Ablauf. Bei der Sofortimplantation und Sofortversorgung bin ich übrigens immer noch vorsichtig – da haben aus meiner Sicht andere Systeme doch gewisse Vorteile. Generell kann uns die Digitalisierung in bestimmten Fällen gut unterstützen. Das bedeutet jedoch auch, dass hierfür eine solide Erfahrung notwendig ist, um genau zu prüfen, in welchen Situationen ich welche digitalen Prozesse einsetze. In diesem Punkt sehe ich die Industrie als teils viel zu aggressiv und anpreisend an. Manchen zufolge sollte am besten jede kleinere Praxis jedwedes modere Gerät anschaffen, vom DVT über die Scanner, Drucker und Planungssoftware. Viele gerieten damit unter wirtschaftliche Zwänge und am Ende vielleicht sogar in therapeutisch – wirtschaftliche Konflikte. Die zahnmedizinisch-implantologische Versorgung wird zunehmend teurer und könnte dann für einen zunehmenden Teil der Gesellschaft nicht mehr zugänglich sein.

Jeder muss sich bewusst sein, dass sich auf den ersten Blick zwingend notwendige oder auch industriell massiv gepushte moderne Techniken nicht für jede Praxis amortisieren. Die Gefahr besteht, dass man unter solchem Druck die Indikations- und Einsatzbereiche zu stark erweitert und, ohne echten Nutzen für den Patienten, die Kosten der zahnärztlichen Versorgung auch für die Praxis selbst – durch mehr Auflagen, mehr Bürokratie, ständige Updates, Reparturen etc. – immer mehr ausufern, bei gleichzeitig nur geringer Punktwertsteigerung und einer seit Jahrzehnten gleichbleibenden GOZ. Das kann nicht unser Ziel sein! Wir als Chirurgen sollten auch noch den klassischen, analogen Therapieweg anbieten können. Mit Hilfe einer Bohrschablone ist nicht plötzlich jeder Fall ganz einfach zu lösen. Es gibt viele Besonderheiten zu beachten und ein paar Klippen zu umschiffen. Eine intraoperative Überprüfung nach der ersten Bohrung halte ich für sehr wichtig, und es kann immer sein, dass die Operation dann ohne Schablone fortgesetzt werden muss. Darauf muss der Behandler eingestellt sein, und dafür auch die notwendigen Fähigkeiten besitzen.

Zurückkommend auf die Eingangsfrage: Sollte jemand, der sich an komplexe Augmentationen nicht heranwagt, einfach die Kurzen setzen?

Otmar Elsässer: Davon rate ich dringend ab. Zusätzlich zur Planungserfahrung und der korrekten Indikationsstellung, für die viel chirurgische Erfahrung notwendig ist, sollte auch die eigentliche operative Prozedur nur durch geübte Behandler erfolgen. Zudem ist bei der Wahl des Bicon-Systems eine Schulung, die seitens des Herstellers regelmäßig angeboten wird, empfehlenswert. Patientenfälle, in denen Kurzimplantate einen enormen Vorteil bieten, gehen fast immer mit herausfordernden anatomischen Gegebenheiten einher. Mögliche Komplikationen wie Blutungen, Anpassungen der Bohrtechnik an die verschiedenen Knochenhärten oder Durchführungen von GBR-Techniken sowie das Weichgewebsmanagement erfordern ebenfalls eine gewisse Erfahrung und chirurgische Routine. Um eine langfristig erfolgreiche Therapie zu realisieren, sollte grundsätzlich die Chirurgie von routinierten Chirurgen und die Prothetik von geschulten und versierten Prothetikern durchgeführt werden.

Mit die wichtigste Frage: Wie wird die Versorgung mit den Kurzen seitens Ihrer Patientinnen und Patienten aufgenommen?

Otmar Elsässer: Meiner Meinung nach ist das Vertrauen der Patienten in unsere Berufsgruppe, und da beziehe ich allgemein tätige Zahnärzte, implantologisch tätige Zahnärzte und Chirurgen gleichermaßen mit ein, immer noch sehr hoch. Daher nehmen die Patienten, wenn man ihnen ehrlich die Vorteile und die individuellen Gründe erläutert, die kurzen Implantate sehr gerne an. Hier sehe ich viel mehr die enge Absprache mit dem behandelnden Prothetiker als unerlässlich an. Die offene Bereitschaft, eine grundlegend andere Implantat-Philosophie anzunehmen, sollte auch auf dieser Seite vorhanden sein. Wir müssen uns daneben täglich fragen, ob der vorliegende Patientenfall wirklich komplett von einem selbst gelöst werden kann, oder ob man die zunehmende Spezialisierung, sei es in der Endodontologie, der Chirurgie, aber auch der KFO oder der Kinderzahnheilkunde, nutzt, um den Patienten eine sichere und langfristig erfolgreiche Lösung anzubieten. Nur über langfristig erfolgreiche Behandlungen und umfassend zufriedene Patienten sichern wir uns weiterhin den bestehenden Ruf und erleichtern uns auch in Zukunft die Kommunikation mit den Patienten.

Herzliches Danke für das Gespräch und diese Einblicke.

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