Implantologie zwischen Routine und Extremfall
Biologische Prinzipien sind für Dr. Nicolas Haßfurther der Grundsatz der Implantologie. Im Gespräch mit pip erläutert er seinen Umgang mit komplexen Fällen, geringer Primärstabilität und die Rolle moderner Implantatoberflächen im klinischen Alltag.

Was unterscheidet Ihre Herangehensweise an komplexe implantologische Fälle grundsätzlich von der anderer implantologisch tätigen Zahnärzte?
Nicolas David Haßfurther: Der entscheidende Unterschied liegt weniger in der chirurgischen Technik als in der konsequenten Berücksichtigung biologischer Prozesse bei jeder Entscheidung, von der Implantatwahl bis zur Nachsorge. Konkret bedeutet das: Wir setzen in unserer Praxis seit 2009 ausschließlich Implantate mit hydrophiler Oberfläche ein. Parallel führen wir mit DimpDoc eine eigene Datenbank mit inzwischen rund 25.000 Fällen. Die Auswertung zeigt, dass sich unsere Frühverlustquote seit der Umstellung mehr als halbiert hat. Das betrifft in absoluten Zahlen vielleicht einen von hundert Patienten – aber gerade in kritischen Situationen, beim externen Sinuslift etwa, ist dieser Unterschied klinisch hochrelevant. Ein weiterer Grundsatz unserer Arbeit ist das einzeitige Vorgehen: Implantation und gesteuerte Knochenregeneration finden bei uns in derselben Sitzung statt. Das hat zur Folge, dass wir bewusst Fälle in Kauf nehmen, in denen klassische Primärstabilität nicht zu erreichen ist. Beim autologen Knochenaufbau übernimmt das Implantat dabei eine mechanisch unverzichtbare Rolle – es fungiert als Zeltstange, die im Defektraum Stabilität schafft, das Augmentat in Form hält und eine Resorption des aufgebauten Knochens verhindert. In genau diesen Situationen ist eine Oberfläche, die biologisch aktiv zur Osseointegration beiträgt, kein Nice-to-have, sondern eine klinische Notwendigkeit.
Sie sprechen Neoss an. Was hat Sie zu dieser Wahl geführt und was überzeugt Sie bis heute daran?
Nicolas David Haßfurther: Zwei Dinge vor allem. Erstens die Implantatschulter: Sie ist glattwandig, kann zwar osseointegieren, weist dabei aber einen Rauigkeitsgrad auf, der einer maschinierten Oberfläche entspricht. Das klingt nach einem Detail, ist es aber nicht – im Hinblick auf periimplantäre Gewebestabilität und die Vermeidung von Entzündungsreaktionen im transgingivalen Bereich ist das ein echter klinischer Vorteil. Zweitens die proaktive Oberfläche: Durch eine Magnesiumionenbeschichtung wird die Oberfläche dauerhaft hydrophil gehalten, was die Proteinadsorption und die frühe Zellreaktion am Implantat fundamental verändert. Das erlaubt mir, auch in Situationen zuverlässig zu arbeiten, in denen primäre Stabilität nicht oder kaum zu erzielen ist – und genau das ist in meinem Patientenspektrum keine Seltenheit.
Kann ein einzelnes System wie Neoss das gesamte klinische Spektrum abdecken – oder stoßen Sie an Grenzen, die Sie zwingen, auf andere Systeme auszuweichen?
Nicolas David Haßfurther: Für den überwiegenden Teil meiner Fälle: ja, absolut. Ich bin kein Freund von Systemwildwuchs in der Praxis. Ein System, das man wirklich beherrscht und dessen biologisches Verhalten man kennt, ist in der täglichen Arbeit jedem Sammelsurium überlegen. Die ehrliche Einschränkung: Neoss bietet keine Keramikimplantate an. Wenn ein Patient explizit darauf besteht, und das kommt vor, setze ich ein Keramikimplantat ein.
Gerade bei stark atrophem Knochen oder nach externem Sinuslift: Wie gehen Sie mit Situationen um, in denen Primärstabilität kaum erreichbar ist?
Nicolas David Haßfurther: Die klassische Lehrmeinung lautete lange: kein ausreichendes Drehmoment, kein Implantat – oder zumindest kein simultanes Vorgehen. Durch die proaktive Oberfläche habe ich eine biologische Sicherheitsmarge, die mir in solchen Situationen Handlungsspielraum gibt. Das ist kein Bauchgefühl, das sind Zahlen, die wir über 15 Jahre in unserer Datenbank nachverfolgen. Kombiniert mit einer konsequenten Augmentationsstrategie – GBR, wenn indiziert, mit dem Ziel, nicht nur Volumen zu schaffen, sondern langfristig stabile Knochenarchitektur – erreiche ich auch in extremen Fällen ausreichende Sekundärstabilität.
Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.




