Zum Hauptinhalt springen
pip
PIP fragt

Vier Expertinnen über die Zukunft der oralen Regeneration

Auf dem Internationalen Osteology Symposium in Wien sprach pip mit Priv.-Doz.Dr. Giulia Brunello, Prof. Dr. Purnima Kumar, Prof. Dr. Lisa Heitz-Mayfield sowie Dr. Isabella Rocchietta.

pip Redaktion Berlin10 Min. Lesezeit
Lisa-Heitz-Mayfield-MS_pip

Auf dem Internationalen Osteology Symposium in Wien, dem diesjährigen Fortbildungs- und Networking-Highlight in der oralen Regeneration mit über 2400 Teilnehmern aus aller Welt, sprach pip mit Priv.-Doz.Dr. Giulia Brunello (Forschung und Lehre in der Oralchirurgie der Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Purnima Kumar (Parodontologin und Chair of Department of Periodontics der University of Michigan), Prof. Dr. Lisa Heitz-Mayfield (Parodontologin, University of Sydney und an der University of Western Australia und wissenschaftlicher Co-Chair des IOS 2026) sowie Dr. Isabella Rocchietta (Parodontologin mit Wissenschafts- und klinischen Forschungstätigkeiten in Mailand und London). Bild: pip-Verlegerin Marianne Steinbeck (links) mit Prof. Dr. Lisa Heitz-Mayfield (Parodontologin, Professorin an der University of Sydney und an der University of Western Australia und wissenschaftlicher Co-Chair des IOS 2026)

Wir sehen hier in Wien viele spannende Studien zur Knochenregeneration mit beeindruckenden Ergebnissen. Wo sind für Sie die derzeit noch wichtigsten Lücken zwischen der Forschung und der klinischen Anwendung?

Giulia Brunello: Ehrlich gesagt ist das Forschungsniveau hier beeindruckend, sowohl in der präklinischen als auch in der klinischen Phase. Was mir jedoch besonders auffällt, ist, wie schnell sich Biomaterialien weiterentwickeln. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Innovation schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, diese Materialien am Menschen zu validieren. Für mich liegt die größte Lücke nach wie vor im letzten Schritt, nämlich darin, vielversprechende Ergebnisse aus präklinischen in vitro– und in vivo-Studien in vorhersehbare und effiziente Behandlungen umzusetzen, die wir täglich in der klinischen Praxis anwenden können. Gleichzeitig können vorgeschriebene regulatorische Prozesse diese Umsetzung noch langsamer und komplexer machen und zusätzliche Hürden für die Einbindung von Innovationen in die tägliche Patientenversorgung schaffen.

Purnima Kumar: Einer der wichtigsten Aspekte der heutigen klinischen Praxis ist, dass wir Patienten behandeln, die unter verschiedenen systemischen Erkrankungen, Beschwerden und Medikamenteneinnahmen leiden, die ihre Wundheilung und ihren Knochenstoffwechsel beeinträchtigen können. Dies sind typischerweise die Ausschlussgruppen für jede gut durchgeführte Studie. Manche Patienten rauchen zudem, vapen oder konsumieren Marihuana. Wir wissen also noch nicht, wie sich die manchmal oft erstaunlichen Ergebnisse aus Forschungsstudien im Alltag bewähren werden. Wir brauchen daher praxisbezogene Studien, die uns realistische, langfristige Daten liefern können.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Purnima Kumar (Parodontologin und Chair of Department of Periodontics der University of Michigan)

Lisa Heitz-Mayfield: Tatsächlich werden auf diesem Symposium einige spannende Forschungsergebnisse vorgestellt, die eine Verlagerung hin zur personalisierten oralen Regeneration zeigen, zum Beispiel die Anwendung individualisierter und funktionalisierter 3D-gedruckter Gerüste für die Knochenregeneration. Trotz der technologischen Fortschritte benötigen wir jedoch weiterhin Studien, die die langfristigen klinischen Ergebnisse von Konzepten bewerten, sowie auch im Besonderen Studien zur Knochenregeneration bei schwerer Atrophie und bei entsprechender vertikaler sowie horizontaler Knochenaugmentation.

Isabella Rocchietta: Die erklärte Mission der Osteology Foundation ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in die klinische Praxis zu übertragen. Um dies zu erreichen, ist es jedoch unerlässlich, dass wir die Sprache der heutigen Kliniker sprechen. Es liegt an uns, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine Sprache zu übersetzen, die so leicht verständlich ist, dass ihre praktische Anwendbarkeit und ihr Nutzen sofort klar werden und sich leicht umsetzen lassen. Meiner Ansicht nach ist dieser ‚Übersetzungsprozess‘ genauso wichtig wie die wissenschaftlichen Ergebnisse selbst.

In der dentalen Implantologie wird sehr viel über Materialien und Techniken diskutiert. Welche biologischen Faktoren – wie etwa Immunantwort oder vaskuläre Integration – werden Ihrer Meinung nach noch unterschätzt, obwohl sie den Erfolg der Osseointegration stark beeinflussen?

Lisa Heitz-Mayfield: Damit neuartige Materialien und Techniken in der oralen Geweberegeneration erfolgreich sind, müssen biologische Prozesse berücksichtigt werden. Die Bedeutung der Optimierung der Wundheilung durch zeitliche Modulation der Immunantwort und Förderung der Angiogenese sollte dabei nicht unterschätzt werden.

Purnima Kumar: Vielen Dank, dass Sie dieses sehr wichtige Thema angesprochen haben. Ohne biologische Integration wird selbst das beste Material zu einem Fremdkörper, der abgestoßen wird oder, schlimmer noch, das darunterliegende Gewebe schädigt. Eine frühzeitige Neovaskularisierung ist entscheidend dafür, dass das Transplantatgewebe während der Heilung nicht eingekapselt oder isoliert wird, und auch für die Aufrechterhaltung des Gewebestoffwechsels über einen längeren Zeitraum. Dies hängt nicht nur von technik- und materialbezogenen Faktoren ab, sondern auch von der zugrundeliegenden Biologie des Empfängers und der Implantationsstelle. Daher müssen wir die Fallauswahl als wichtigen Faktor für den langfristigen Erfolg priorisieren. In der Krebstherapie heißt es: ‚Es gibt keine Routine-Mammographie‘. In der Implantattherapie gilt: ‚Es gibt keine Routine-Knochentransplantation‘.

Isabella Rocchietta: Ich erkläre meinen Patienten gerne, dass ihr Mund nichts ist, das sie einfach beiseitelegen und dann von Zeit zu Zeit wieder hervornehmen, um mal zu kauen. Der Mund ist die Eintrittspforte zum gesamten Körper und für sich selbst ein hochkomplexes System. Ein ganzheitlicher Ansatz ist daher auch für unser Fachgebiet, das nur scheinbar begrenzt ist, unerlässlich. Und es ist nicht nur wichtig, dass Zahnmediziner Teil eines interdisziplinären Netzwerks sind und mit Spezialisten wie Kardiologen, Gastroenterologen, Diabetologen, Gynäkologen usw. zusammenarbeiten, sondern Zahnärzte müssen auch ihre eigenen medizinischen Grundkenntnisse schulen und verbessern, um bestimmte Situationen bei ihren Patienten kompetent einschätzen zu können.

Austausch mit Dr. Isabella Rocchietta (Parodontologin mit Wissenschafts- und klinischen Forschungstätigkeiten in Mailand und London)

Welche Bedeutung hat die OSTEOLOGY-Stiftung für Sie persönlich, und wo sehen Sie deren größten Wert in der regenerativen Community allgemein?

Giulia Brunello: Was ich an Osteology liebe, ist ihre globale Perspektive und die Art und Weise, wie sie die Wissenschaft weit über die Zahnmedizin hinaus unterstützt. Für mich liegt ihr größter Wert darin, Menschen aus aller Welt mit unterschiedlichen Erfahrungsstufen und Hintergründen zusammenzubringen, die Zusammenarbeit zu fördern und qualitativ hochwertige Forschung zu unterstützen, die das Feld der Regeneration wirklich voranbringt und dabei hilft, Wissenschaft in die Praxis umzusetzen.

Hier in Wien zu sein, ist ein perfektes Beispiel dafür, wie die Osteology Foundation meinen persönlichen und beruflichen Werdegang positiv beeinflusst. Zusammen mit meinem Freund Franz Strauss, der extra aus Australien angereist ist, freue ich mich darauf, einen Teil der Ergebnisse der GCCG-Konsensuskonferenz gemeinsam mit einigen der ´großen Namen´ des Fachgebiets vorzustellen. Das ist eine unglaubliche Chance für mich.

Lisa Heitz-Mayfield: Für mich persönlich bietet die Osteology Foundation die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, Wissen auszutauschen und mit führenden Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten, um das Gebiet der oralen Geweberegeneration voranzubringen. Mit stets dem Patientenwohl im Mittelpunkt allen Tuns bietet die Osteology Foundation wirklich jedem Zugang zu hochwertiger Ausbildung und Ressourcen im Bereich der oralen Regeneration, zu Forschungsmöglichkeiten und zur Unterstützung der eigenen Entwicklung und Karriere.

Purnima Kumar: Die Osteology Foundation hat Unglaubliches geleistet, indem sie eine Gemeinschaft geschaffen hat, die sich der Weiterentwicklung des Bereichs der oralen Regeneration durch Forschung, Ausbildung und klinische Praxis verschrieben hat. Ich schätze die Gelegenheit sehr, mit diesem globalen Think-Tank zusammenzuarbeiten, der die Grenzen der Humanbiologie erweitert, und einen bedeutenden Beitrag zur Erschließung neuer Forschungsgebiete in diesem Bereich leistet. Wir sollten unsere Mission unbedingt fortsetzen, die Wissenschaft voranzubringen und das Wissen, das wir durch die wissenschaftlichen Untersuchungen gewinnen, dann auch in die Klinik zu verbreiten.

Isabella Rocchietta: Osteology ist eine einzigartige Mischung aus wissenschaftlicher Exzellenz und echten, gelebten menschlichen Beziehungen. Im Laufe von zwei Jahrzehnten habe ich bei Osteology immer nur diese starke gemeinsame Begeisterung erlebt, Erkenntnisse und Wissenschaft in die Welt zu tragen, mit dem Ziel, unseren Patienten die bestmögliche Versorgung zu bieten.

Sie stehen seit über zwei Jahrzehnten für herausragende Leistungen sowohl in der Wissenschaft als auch in der klinischen Praxis, arbeiten in Italien und Großbritannien und sind zudem Mutter von drei Kindern – wie schaffen Sie es, all das unter einen Hut zu bringen?

Isabella Rocchietta: Es ist alles eine Frage guter, vorausschauender Organisation – in dieser Hinsicht unterscheiden sich Forschung, klinische Arbeit und Familie gar nicht so sehr. Aber ich stelle mir oft diese lustige Szene vor, in der Sarah Jessica Parker mitten in der Nacht in einen 7-Eleven rennt, einen Fertigkuchen aus dem Regal schnappt, ihn zu Hause schnell mit Zuckerguss überzieht und ihn am nächsten Tag einem ihrer Kinder als selbstgebackenen Geburtstagskuchen präsentiert… Ich habe ein solides Repertoire an solchen Tricks. Insgesamt erfordert es gute Organisation und gute Teamarbeit.

Patienten, ihre Vorlieben und ihr persönliches Empfinden geraten immer mehr ins Spannungsfeld der Medizin und Zahnmedizin: Patient Centered Treatment Concepts und der Ruf nach einer stärkeren Betonung der patientenorientierten Ergebnisse stehen dafür. Wie zeigt sich dieser Wandel im klinischen Alltag?

Giulia Brunello: Patientenorientierte Versorgung ist nicht nur ein Konzept, sondern etwas, das wir in der täglichen Praxis leben. Wir alle möchten, dass unsere Patienten glücklich und zufrieden sind, aber ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass dies nicht in jedem Fall vorhersehbar ist. Manchmal sind wir sehr zufrieden mit unseren Erfolgen, während der Patient sich dennoch unzufrieden fühlen kann. Im Gegensatz dazu machen wir uns manchmal Sorgen um die Ergebnisse, während der Patient lächelnd und dankbar geht. Mir ist klar geworden, dass Kommunikation der Schlüssel ist. Sich die Zeit zu nehmen, die Wünsche unserer Patienten wirklich zu verstehen, offen darüber zu sprechen, was realistisch möglich ist, und die Grenzen der Behandlung zu klären, macht einen echten Unterschied. Der GCCG-Konsens hat dies noch einmal bekräftigt: Die Abwägung von Patientenpräferenzen und objektiven Behandlungszielen ist unerlässlich, um sowohl Patientenzufriedenheit als auch langfristige Erfolge zu sichern.

Priv.-Doz.Dr. Giulia Brunello (Forschung und Lehre in der Oralchirurgie der Universität Düsseldorf) im Gespräch

Lisa Heitz-Mayfield: Die Bedeutung der gemeinsamen Entscheidungsfindung war im Bereich der oralen Regeneration und der Zahnmedizin schon immer groß. Da Patienten jedoch durch den Zugang zu Informationen im Internet und den Einsatz von KI immer besser informiert sind, stellen sie mehr Fragen und möchten über die Risiken und Vorteile verschiedener Behandlungsansätze Bescheid wissen. Aktuelle Forschungsarbeiten konzentrieren sich nicht nur auf die klinischen Ergebnisse, die wir als Zahnärzte messen, sondern auch auf die Patientenerfahrung und die allgemeine Zufriedenheit mit der Behandlung. Das bedeutet, dass wir evidenzbasierte Informationen bereitstellen können, die Patienten dabei unterstützen, fundierte Entscheidungen auf der Grundlage ihrer Bedürfnisse und Erwartungen zu treffen. Kulturelle und bevölkerungsspezifische Unterschiede können dabei die von Patienten berichteten Ergebnisse einer Behandlung beeinflussen. Wir als Kliniker sollten uns vor Beginn der Behandlung Zeit nehmen, unsere Patienten kennenzulernen, und nicht nur auf ihre gesundheitlichen Bedürfnisse, sondern auch auf ihre individuellen Wünsche und Erwartungen eingehen.

Purnima Kumar: Patienten sind unsere wichtigsten Stakeholder, und ohne sie sind alle Innovationen bedeutungslos. Patienten haben Zugang zu einer Vielzahl von Ressourcen, um sich über die Verfahren, Risiken und postoperativen Ergebnisse zu informieren. Daher kommen sie mit bestimmten Erwartungen zu uns. Es ist entscheidend für den langfristigen Erfolg, dass wir den Umfang ihrer Erwartungen vollständig verstehen und dass wiederum der Patient die angemessenen Risiken und Vorteile der Behandlung vollständig versteht. Darüber hinaus ist die Oralchirurgie im Gegensatz zu anderen chirurgischen Fachgebieten nach wie vor eine ambulante Leistung, weshalb Patienten eine sehr große Rolle bei ihrer eigenen postoperativen Versorgung spielen.

Die Einbeziehung von patientenberichteten Ergebnissen ist entscheidend für die Quantifizierung von frühen und späten Komplikationen, unvorhergesehenen Nebenwirkungen sowie der allgemeinen Motivation und Zufriedenheit. Ohne all dies agieren wir blind in einem Vakuum.

Isabella Rocchietta: Sie sprechen hier ein Thema an, das für mich persönlich, aber auch für uns alle von enormer Bedeutung ist. Patientenzentrierte Ergebnisse werden in Zukunft einen viel größeren Einfluss auf unsere Praxis haben. Wir übersehen noch viel zu oft die psychologischen, sozialen und gewohnheitsbezogenen Aspekte unserer Patienten. Wir wurden in dieser Hinsicht nicht ausreichend geschult, doch heute ist es absolut unerlässlich, unsere Patienten angemessen einzubeziehen und sie zu begleiten, zum Beispiel hinsichtlich möglicher positiver Veränderungen ihres Lebensstils, die sich direkt auf ihre allgemeine und orale Gesundheit auswirken. Für manche Patienten stellt ein oraler Defekt eine absolute Katastrophe dar – ich hatte erst kürzlich einen solchen Fall in meiner Praxis, und trotz all meiner langjährigen Erfahrung gelang es mir kaum, den Patienten zu beruhigen. Sie werden nicht bei jedem Ergebnis 100 % technische Perfektion erreichen können – aber Sie können diese mit Empathie untermauern und eine echte Beziehung zu Ihrem Patienten aufbauen. Die Qualifizierung und Schulung in all diesen Fähigkeiten muss zu einem wesentlichen Bestandteil der universitären Ausbildung werden.

Unseren herzlichen Dank für Ihre Zeit und die vielen von Ihnen eingebrachten Aspekte!

Weitere Artikel in PIP fragt

Cookies & Datenschutz

Wir verwenden notwendige Cookies für den Betrieb der Website. Analyse- und Marketing-Dienste laden wir erst nach Ihrer Zustimmung.