Sehr frühzeitig reagierte die DGI e.V. auf das Covid-19 Szenario mit der Voraussicht, dass den Zahnarzt diese oder eine ähnliche Situation noch länger begleiten wird. Mit Unterstützung der Straumann Group entstand kurzfristig eine Leitlinien vergleichbare, praktische Verhaltensanleitung für alle drei in der Therapie beteiligten Gruppen.

Bild: Interview mit Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Knut A. Grötz, Präsident der DGI

pip: Welche erste Fragestellung tat sich für Sie auf?

Knut A. Grötz: Wichtig war doch zunächst die Feststellung – Es passiert nicht nur ‚nichts‘, wenn der Patient nicht mehr in die Praxis kommt, sondern in vielen Fällen verschlechtert sich die Mundgesundheit dramatisch. Damit auch die immunologische Abwehr, und eine der Eintrittspforten auch dieses neuen Virus würde geschwächt. Es geht also gar nicht in erster Linie um wirtschaftliche Aspekte, sondern um gesundheitliche, wenn Praxisschließungen als Lösung nicht akzeptabel sind.

pip: Praxis ‚as usual‘, aber ebenso wenig …

Knut A. Grötz: Die Praxis an sich durchaus – die meisten, vor allem implantologisch tätigen Zahnärzte, sind in ihren Hygienevorkehrungen und -protokollen auf eine solche Situation (Covid-19) bestens vorbereitet. Zahnmediziner und ihr Team selbst sind keine besondere Risikogruppe, da hier der Umgang mit Mund- Nasenschutz und besonderer Hygiene im Gegensatz zu den Facharztgruppen der Ophthalmologen oder HNO-Ärzte schon immer implementiert war. Allerdings geht es nun darum, das Risikoprofil des Patienten über die uns bekannten Kautelen hinaus neu zu definieren und dabei weit über den aseptischen OP hinauszudenken. So muss ich zum Beispiel auch die im Rahmen der Behandlung notwendigen und eventuell wiederholten Wege meines Patienten und seinen Aufenthalt im öffentlichen Raum mit einrechnen, und die Situation in meinem Empfangs- und Wartebereich, um hier die Möglichkeiten einer Infektion zu vermeiden und den Patienten in seinem Verhalten sicher und gut anzuleiten. Denken Sie an die Großkliniken: In deren OP musste eigentlich nichts verändert werden, sehr wohl aber im Eingangs- und Wartebereich. Dann muss ich mich fragen: Welche Patienten sind originäre Risikopatienten? Welche sind Covid-19-Risikopatienten? Und welche Behandlung ist unter diesen Aspekten notwendig? Und dann gilt es, Behandler, Team und auch den Patienten in die erforderlichen Verhaltensweisen nahtlos einzubinden.

pip: Ab welchem Risiko verweise ich einen Patienten an eine spezialisierte Praxis oder ein Zentrum?

Knut A. Grötz: Manifest Covid-19 Erkrankte mit unaufschiebbarem Behandlungsbedarf gehören verbindlich in ein geeignetes Zentrum. Allein in Hessen konnten wir in kürzester Zeit zehn davon etablieren. Das hat übrigens mit Überforderung der anderen Praxen rein gar nichts zu tun! Während es absolut unseriös wäre, alle Praxen schließen zu wollen, ist eine Verweisung solcher manifest Erkrankten ein ganz normales Überweiserwesen, wie wir es auch in anderen komplexen Fällen pflegen.

pip: Wie entstand die Kooperation mit der Straumann Group?

Knut A. Grötz: Ich kann nicht anders als meinen tiefst empfundenen Respekt für die Verhaltensweise dieses Industriepartners auszudrücken. Man hätte annehmen können, dass für ein Industrieunternehmen in dieser anfangs für alle doch sehr verunsichernden Lage das erste Interesse darauf ausgerichtet sei, wie noch irgendwie weiter Implantate zu verkaufen seien, aber Straumann trat nach unserem DGI-Statement von sich aus an uns heran, um gemeinsam mit uns, Priv. Doz. Dr. Eik Schiegnitz und mir, eine Aufklärungskampagne zu entwickeln, aus der dieses inzwischen über 7.000-mal heruntergeladene eBook sowie die Interviewserie mit dem Oemus Verlag entsprang, die selbst in Universitäten von ganzen Gruppen angesehen wurde. Jede Zielgruppe innerhalb der Behandlung – Zahnarzt, sein Team, der Patient – hat ganz besondere Informationsbedürfnisse und diese wurden hier einzeln und mit Ansprache der spezifischen Gruppe aufbereitet. Wenn die Räder zwischen Zahnarzt, Team und Patient auf dieser Grundlage ebenso nahtlos und sauber ineinandergreifen wie bei der Erstellung dieser Kampagne, brauchen wir uns um einen erfolgreichen Umgang mit dieser und vermutlich auch kommenden kritischen Situationen keine Sorgen mehr zu machen.

pip: Herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Gespräch, Herr Professor.