Auch wenn Zirkonoxid-Implantate inzwischen in der Mitte der dentalen Implantologie angekommen sind, laufen dynamische Entwicklungen im Hintergrund, um Workflow, prothetische Flexibilität sowie die Preisgestaltung dieser beim Patienten sehr beliebten Versorgungsform auf die Ansprüche und den Bedarf von heute auszurichten.

Interview mit Katja Busse (Head of Commercial Marketing, Straumann Group Deutschland) und Thorsten Buurlage (Geschäftsführer, maxon dental GmbH)

Ende 2016 gingen maxon und Straumann ein Joint Venture ein – welche Überlegungen standen hinter diesem Zusammenschluss und haben sie sich seitdem bestätigt?

Der Anteil der Zirkonoxid-Implantate im Gesamtmarkt macht bisher noch einen recht kleinen Anteil von weniger als 5 % aus. Dennoch dürfen wir diesen Trend nicht aus den Augen verlieren. Neben der Funktionalität nimmt das Thema ästhetischer Zahnersatz bei Patienten einen immer höheren Stellenwert ein. Die Vision der Straumann Group ist es, den ästhetischen Ansprüchen dieser Patientengruppe gerecht zu werden. Mit dem Neodent Zi können wir zukünftig ein attraktives und leistungsfähiges Keramikimplantatsystem anbieten. Bis jetzt waren die Alternativen am Markt eher begrenzt, bis die Firma maxon ins Spiel kam.

Ja, die Straumann Group, mit Neodent und maxon hatten und haben hier die gleiche Vision: Keramikimplantate im Großserienprozess herzustellen und dabei gleichzeitig die Handhabung, Routine und Sicherheiten, beispielsweise eines Titanimplantats abzubilden. Ein technisch nicht einfaches Unterfangen.

Mit dem erzielten Ergebnis beim Neodent Zi System sind wir außerordentlich glücklich, dies erreicht zu haben und die Rückmeldungen aus der Praxis zeigen, dass viele Anwender unsere Zufriedenheit teilen.

Der Markt für Zirkonoxid-Implantate hat sich in jüngster Zeit sehr gut entwickelt und scheint weiterhin sehr dynamisch.

Wie zu Beginn schon erwähnt, wir sprechen hier immer noch von einem kleinen, aber stetig wachsendem Anteil. Stellen wir aber mal den Patienten in den Vordergrund: Welche Erwartungen hat der Patient von heute? Dank Google und Co. sind Patienten heutzutage besser informiert, sie wollen mehr Mitspracherecht im Entscheidungsprozess. Kurzum, sie erwarten eine Versorgung, die zu ihrer Persönlichkeit und ihrem Lebensstil passt. Mit dem Neodent Zi Implantatsystem haben wir damit die Möglichkeit, diesen Patientengruppen eine ästhetische Lösung ganz nach ihrem Bedarf anzubieten. Das System ist keramisch eine Alternative auf Augenhöhe zu Titan und bietet unseren Kunden die Option, ihre Patienten bei der Entscheidungsfindung zu ihrem Zahnersatz einzubeziehen.

Und jetzt noch einmal zurück zu dem noch kleinen, aber stetig wachsenden Marktanteil. Die Anzahl der im Markt verfügbaren Anbieter von Zirkonoxid-Implantaten ist überschaubar, jeder Anbieter hat seine Erfahrungen in den vergangenen Jahren gesammelt. Dennoch drängen hier, anders als in anderen Bereichen, nicht ständig neue Mitbewerber auf den Markt. Das hat natürlich auch seine Gründe: Man benötigt sowohl Expertise als auch die notwendige Technologie und Fertigungstechnik, um den Anforderungen gerecht zu werden und sichere Produkte anbieten zu können. Auch ist Keramik ein Material, welches ganz besondere Anforderungen an ein materialgerechtes Design erfordert.

Liegt die Zeit- und damit auch Kostenproblematik am Material an sich oder an der heutigen Fertigungstechnik?

Aktuell am Markt befindliche Keramikimplantatsysteme werden zumeist mit den klassischen Herstellmethoden gefertigt, indem aus Rohlingen über Fräs- oder Schleifbearbeitung die gewünschten Produkte ausgearbeitet werden. Das ist naheliegend, denn das Know-how für diese Prozesse ist am Markt bekannt und die Maschinen dafür sind frei erhältlich. Allerdings ist Keramik ein sehr hartes Material mit hoher Festigkeit, weshalb sich klassische Herstellmethoden mit einem hohen Werkzeugverschleiß und Materialverbrauch eher für Prototypen, maximal aber für Kleinstserien eignen. Auch können komplexe Geometrien nur sehr begrenzt hergestellt werden. Somit ist die Keramikimplantatfertigung (Zirkonoxid-Implantate) mit konventionellen Verfahren sehr zeit- und kostenintensiv. Sie bietet zudem begrenzte Möglichkeiten in der Formgebung und lässt sich kaum auf große Stückzahlen hochskalieren. Genau hier setzt unsere Technologie an. Beim Neodent Zi Implantatsystem arbeiten wir mit einem kombinierten Fertigungsprozess aus Keramikspritzguss und Hartbearbeitung. Mit dieser Kombination erreicht das Neodent Zi Implantat-system nicht nur hervorragende Festigkeitswerte, sondern ermöglicht durch diesen Prozess die Herstellung sehr hoher Stückzahlen in gleichbleibender Qualität. Dieses übergreifende Know-how, das hier zur Anwendung kommt, ist aktuell in dieser Form am Markt nirgendwo sonst zu finden.

Zirkonoxid-Implantate: Welche Vorteile bietet der Keramikspritzguss?

Beim Keramikspritzguss wird für jede Komponente eine eigene Werkzeugform benötigt. Jede dieser Formen durchläuft bei uns einen engmaschigen Entwicklungsprozess. Beim Prozess selbst werden die Formen mit dem Keramik-Feedstock unter hoher Hitze und sehr hohem Druck gefüllt. Dieser Vorgang wird für ein Höchstmaß an Präzision elektronisch geregelt und überwacht. Danach durchlaufen die Produkte noch verschiedene thermische Behandlungen, bis sie die endgültigen Materialeigenschaften und Festigkeit erreichen. Diese Prozesskette ermöglicht uns eine zuverlässige Produktion von hohen Stückzahlen und macht es möglich, kleinste Details in der Keramik abzubilden. Aufgrund dieser Fertigungsmöglichkeiten verwirklichen wir vergleichbare Designfeatures wie wir sie von Titanimplantaten kennen und ermöglichen dem Anwender, das Neodent Zi Implantatsystem selbst bei Sofortversorgungen in ebenbürtigen Routinen erfolgreich zu verwenden.

Keramische Komponenten werden seit mehr als 35 Jahren erfolgreich in der orthopädischen Chirurgie eingesetzt und sind aufgrund ihrer erhöhten Zähigkeit und Dimensionsstabilität – selbst bei hohen Temperaturen – auch in der Luft- und Raumfahrtindustrie geschätzt. Die Stabilität von Zirkonoxid-Implantaten wird allerdings immer noch infrage gestellt. Vereinzelt erleben wir, dass Krankenkassen die Kosten für Behandlungen – vor allem zweiteilige Keramikimplantate – mit der Begründung ablehnen, es seien zu wenig klinische Daten vorhanden. Das kann man so nicht mehr stehen lassen: 2021 veröffentlichte die Europäische Gesellschaft für Keramikimplantologie (ESCI, European Society of Ceramic Implantology) eine Stellungnahme zur klinischen Anwendung von zweiteiligen Keramikimplantaten. Damit existiert jetzt eine wissenschaftlich untermauerte, offizielle Empfehlung einer Fachgesellschaft zugunsten der Verwendung zweiteiliger Zirkonoxid-Implantate. Mittlerweile liegen klinische Daten für Nachuntersuchungszeit- räume von sogar bis zu fünf Jahren und funktioneller Belastung mit Überlebensraten von 95 % vor [1-3]. Auch die Oberflächen von einteiligen und zweiteiligen Zirkonoxid-Implantaten sind vergleichbar und zeigen keine Unterschiede in Osseointegration oder biologischer Integrität auf. Kurzum, laut ESCI gibt es sowohl genug klinische Daten als auch klinische Erfahrung, dass zweiteilige Keramikimplantate empfohlen werden können – wenn im Vorfeld eine korrekte Indikationsstellung sowie Patientenaufklärung erfolgt ist. Seitens der Straumann Group haben wir zahlreiche Studien zum Verhalten von einteiligen und zweiteiligen Keramikimplantaten, alle sind auf der Straumann-Webseite verfügbar. Diese Studien belegen, dass sie eine ästhetische und stabile Alternative zu Titanimplantaten darstellen. Hinzu sind weitere Studien mit dem Neodent Zi Implantatsystem (Zirkonoxid-Implantate) initiiert. Einen ersten Einblick bietet ein Artikel, der im „Wiley Clinical Case Report“-Journal Ende 2021 veröffentlicht wurde. Wir sind überzeugt, mit dem Neodent Zi Implantatsystem ein Produkt in unserem Portfolio zu haben, das unsere Keramikimplantatlinie Pure clever ergänzt. Wie es jetzt weitergeht? Aktuell befinden wir uns in der Market Acceptance Testphase, binden ausgewählte Anwender ein, um klinische Erfahrung zu sammeln, und werden das Produkt ab September 2022 einem größeren Kundenkreis zur Verfügung stellen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.